Hallo Forum,
So, nun habe ich etwas Zeit um ein paar Worte zum Reutlinger Tornado zu schreiben.
Wie schon mal erwähnt, bin ich kurz nach der Arbeit einer Gewitterzelle im Nordosten von Reutlingen entgegen gefahren. Man konnte schon die super Formationen erkennen, sehr dunkle Wolken bis fast am Boden, heftiger Niederschlagskern, Hagelschleier, ständig heftige Entladungen. Man sah einfach das es sich dort um eine unwetterartige Gewitterzelle handelt.
Ich bin über eine Anhöhung gefahren und konnte auch schon den Tornado sehen. Zu diesem Zeitpunkt handelte es sich noch eher um einen Funnel. Unglaublich heftige Rotation. Von da an filmte ich nun ganze 10 Minuten den Tornado. Insgesamt schätze ich die Lebensdauer auf gute 15 Minuten. Doch der Weg den er zurückgelegt hatte nur etwa 2-3 km! Es kam einem so vor, als ob sich die Zelle drehte (rechts), doch auf dem Radar erkennt man eine Rechtsdrehung als Zellenneubildung im Südosten des Gewitters. Der Tornado wütete über einem Waldgebiet, doch nur 1 km von einem Wohnviertel entfernt. Die Zeit, ca. 16:40 bis 16:55 (max.17:00 Uhr) Uhr. Es war eine Art „Jumper“, der immer wieder auf dem Boden aufsetzte (Touch Down), und somit als eindeutiger Tornado definiert wird. Die Stärke ist noch unbekannt. Nach ersten Schätzungen, (mit Hilfe von TASK und dem NWS in Alabama, USA!) und Vergleiche war es ein F1, zu einem Zeitpunkt sogar eindeutig F2 (nach Entfernung und Größe von Wolkenteilen, Bewegungsmuster und Geschwindigkeitsberechnungen!). Weil wir trotz 2 Stunden langer Suche nicht den kleinsten Schaden im Wald fanden, ist die Schätzung nur eine Schätzung, also nicht 100% sicher! (Wie die meisten T-Fälle!). Warum wir nichts fanden? Der Wald ist nur sehr bedingt zugängig, d.h. sehr dicht und ein Problem ist noch, es gibt zu viele, sehr große Schadensschneisen vom Lothar. Doch Augenzeugen berichten von herumfliegenden Teilen im Wald. Der Tornado muss auch einen längeren Weg (ca. 500 Meter) auf einem Feld gewütet haben. Es ist unglaublich, man findet nichts, man muss einfach mal tiefer in den Wald rein laufen, doch das ist nicht ganz einfach! Wir hoffen auf Angaben vom Forstamt.
Die Zelle an sich war ziemlich heftig! Nach Angaben von Augenzeugen, Fernsehsender und Pressestelle gab es zur gleichen Zeit, etwa 5-10 km weiter, Hagel von mehr als 3 cm Durchmesser. Auch 3 Stunden davor gab es eine Hagelzelle über der selben Region, nach Angaben vom SWR gab es am Studio Hagel von 2-3 cm Durchmesser.
Ca. um 16:50 gab es am Standpunkt, etwa 3 km vor dem Tornado, südlich der Zelle, fast schon stürmischen Inflow! Nur etwa 200 Meter weiter östlich bildete sich eine Art Böenfront, die bedrohlich fast über mir Stand.
Ca. um 17:00 – 17:10 Uhr, erreichte die Zelle ein enormes Aussehen (durch heftige Hagelschauer), es sah alles so gelblich-grün aus, und es bildeten sich Formationen, unglaublich. Ich gab Gas und wollte noch mal in den Kern hinein, doch es bildete sich sofort ein Stau im Neckartal. Die Strassen waren z.T. stark überflutet, deshalb hab ich wieder umgedreht und bin zitternd nach Hause gedüst.
Um ca. 16:50 – 16:55 Uhr, gab es neben dem Haupttornado einen zweiten Funnel, sehr gut auf dem Video zu sehen. Auch schon davor gab es westlich vom Tornado immer wieder neue Funnelansätze.
Dieses örtliche heftige Unwetter, ist eine Besonderheit, die genau in die Theorie der Albumlenkung passt. Ich habe schon seit Monaten Theorien begonnen, und Tornado gefährdete Regionen am nördlichen und südlichen Albrand auf Karten festgelegt. Deshalb ist dieser Tornado nicht außergewöhnliches für mich in genau dieser Region. Kurz gefasst, wenn Zellen von West nach Ost in der Neckarregion zwischen Schönbuch und Reutlingen ziehen, dann werden die aus dem Voralbland und Neckartal sehr warme und feuchte Luftmassen von dem Schwäbischen Jura (Alb) extrem abgelenkt, und erzeugen eine Windströmung im unteren Bereich von Südwest nach Nordost. In einer Höhe von rund 500-2000 Meter legt der Wind zu und dreht stark wieder auf West. In der Gegend rund um den bewaldeten Schönbuch, sind dann die feucht warmen Luftmassen gezwungen aufzusteigen, deshalb auch die extreme Gewitterhäufigkeit zwischen Stuttgart Süd und Reutlingen. Ist der Aufwind stark genug, ist eine Rotation durch die regionale Scherung nicht selten, das Beweisen die häufige Beobachtungen in der Region (dasselbe an der Südalb).
Bei dieser Zelle waren all diese Merkmale vorhanden, dazu handelte es sich um ein starkes Unwetter, also genial für eine Rotationsbildung. Doch warum der Tornado nicht so weit wanderte in der langen Zeit (?), hmm, die Zelle war eigentlich gut unterwegs, doch der Updraft, der komplett rotierte, stand fast immer auf der gleichen Stelle. Der starke Inflow war auch immer beständig. Es schien wirklich, als ob der Niederschlag sich um den Updraft bildete (also Niederschlagsneubildung an der Südost bis Ost Seite). War der Tornado zuerst an der SO Seite, so war er am Schluss an der SW bis West Seite!
Ich werde in den nächsten Tagen eine genaue Analyse starten, denn ich bin immer noch beim Daten sammeln, obwohl ich schon sehr viel habe.
Genaue Location: Nicht wie manche annahmen in der Achalm-Region, sondern im nördlichen Reutlingen, fast direkt am Neckar (Nahe Pliezhausen, die nur etwa 1 km vom Tornado entfernt waren! Sie lagen auch direkt in der Zugbahn! Die hatten großes Glück!!)
Zur Warnsituation. Ich habe die Meldung sofort dem regionalen Radiosender durchgegeben, die es auch als Zwischenmeldung (Breaking News) sofort durchgesagt haben, wow, was für ein Gefühl! Tornado Warning in Reutlingen, und vor mir der Tornado selbst!
Das mal in Kürze zusammengefasst!
Ich bin mir sicher, das wir in Mitteleuropa noch ein paar mehr Tornados filmen dürfen dieses Jahr…, und / oder in den nächsten Jahren!
Viele Grüße
Marco Kaschuba
Vielen Dank an ALLE im Forum.
Speziell an die Feuerwehr Reutlingen, Polizei Reutlingen und Esslingen.
Speziell an Jörg Kachelmann und Team.
Speziell an Steffen Stökler und alle anderen Storm Chaser.
Speziell an meine Freundin Corinna.
Auch jede Menge Tornado-Videos in Mitteleuropa

)
Hier noch ein Foto, kurz bevor der Tornado zerfallen ist (ca. 16:55+ Uhr). Noch mal ein Touch Down, doch ein sehr schmaler Rüssel (dieser sehr schnell wanderte am Boden!). Beachtet den Funnel neben dem Haupttornado. Da ich nun 2 Wochen im Münster bin, werden alle Fotos + Bericht + Analys erst in 2 Wochen auf meiner Seite erscheinen! Bitte um Verständnis. Danke.
Bild: Copyright - Marco Kaschuba
Groeten,
Mark
Quote selectie