Italiener sollen nicht mehr täglich duschen
Extremer Wassermangel in Italien: Die Regierung plant rigoroses Wassersparen und Stromsperren
"Täglich duschen? Nein danke!" Die Leser des Corriere della Sera wurden am Dienstag mit ungewohnten Verhaltensregeln konfrontiert. "Ein Bad pro Woche genügt", beschied Fulco Pratesi, Vorsitzender im italienischen World Wide Fund For Nature (WWF).
Hemden könnten auch mehrere Tage getragen werden, die Klospülung müsse nicht zehn Mal täglich betätigt werden. Auf einer ganzen Seite durfte der 70-jährige Architekt und Schriftsteller seinen Tagesablauf beschreiben; für die mit Öko-Themen kaum vertrauten Italiener ein purer Exotentrip.
Pratesi soll das Land mit dem höchsten Wasserbrauch Europas auf das einstimmen, was es in den kommenden Monaten erwartet: einen "Albtraumsommer", stöhnt der Zivilschutzbeauftragte Guido Bertolaso. Nach dem wärmsten Winter der Geschichte und damit extrem wenig Schneefall gibt der sonst im Juli auftretende Wassermangel schon im April Anlass zur Sorge. Der Pegelstand des Po liegt bei Ferrara 6,5 Meter unter dem jahreszeitlichen Durchschnitt, der Wasserstand des Gardasees um 50 Prozent unter dem Durchschnittswert im April.
Ausnahmezustand
"Im vergangenen Halbjahr wurde nur die Hälfte der üblichen Niederschläge verzeichnet", erläutert der Meteorologe Luca Mercalli den Ausnahmezustand. In Turin fiel zwischen 1. Oktober und 23. April weniger als die Hälfte der üblichen Regenmenge.
Jetzt will die Regierung einen Notstandsplan verabschieden, der die Einsparung von 400 Millionen Kubikmeter Wasser vorsieht. Das entspricht in Italien dem Jahreswasserverbrauch von mehr als fünf Millionen Menschen. Zudem sind gezielte Stromunterbrechungen für die Großindustrie geplant.
Umweltminister Alfonso Pecoraro Scanio fordert den Ausnahmezustand, der den Erlass von Sondergesetzen ermöglicht. "Die Wasserleitungen unserer Städte sind hoffnungslos veraltet. Jährlich versickern 2,2 Millionen Kubikmeter Trinkwasser im Boden", klagt der Minister. Für den Po müsse in Zukunft eine einzige Behörde zuständig sein, statt des bisherigen Kompetenzgewirrs von Regionen und Provinzen.
Tabu Futtermittel
Der Zivilschützer Bertolaso wagte sich erstmals an ein Tabu heran: den intensiven Kukuruz- und Futtermittelanbau in der Po-Ebene, wo mehr als 4,1 Millionen Kühe und 5,2 Millionen Schweine zur Herstellung von Parmigiano und Prosciutto gehalten werden: "Die beregnungsintensiven Nutzplanzen müssen ersetzt werden." Dem Vorsitzenden des Bauernverbands Coldiretti, Sergio Marini, schwant Unheil: "Wir riskieren einen Schaden von fünf Milliarden Euro."
WWF-Chef Pratesi empfiehlt für solche Katastrophenszenarien sein bewährtes Rezept: "Das Wassersparen beginnt für jeden einzelnen im eigenen Haushalt." (Gerhard Mumelter, DER STANDARD Printausgabe, 25.4.2007)
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