Streit um die Sintflut

Bericht van: Takkie (Amstelveen) , 11-05-2007 16:38 

Streit um die Sintflut
Kaum eine Vorhersage über die Zukunft des Planeten ist umstrittener als jene, wie stark die Weltmeere anschwellen werden
Experten prognostizieren Dramatisches, teilweise Bizarres. Dabei versteht niemand den Unsicherheitsfaktor Grönland.


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Washington - Schweigsamkeit unter Forschern als stumme Kunde kommender Höchstpegel? Der Klimaforscher James Hansen vom Goddard Institute der Nasa jedenfalls warnt vor einem rasanten Anstieg der Weltmeere - nicht aufgrund von Berechnungen, sondern anhand einer soziologischen Theorie: Der US-Soziologe Bernard Barber hatte spekuliert, dass sich in Experten-Gemeinden im Vorfeld sensationeller Erkenntnisse stets eine Stille breit macht.


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bezahlte EinschaltungImmerhin im gut beleumundeten Fachblatt Environmental Research Letters hat er einen kuriosen Artikel eingereicht. "Schweigsamkeit" will er bei seinen Kollegen ausgemacht haben und deutet sie als schlechtes Omen: Die Bedrohung eines rapiden Meeresspiegelanstiegs werde nicht genügend besprochen. Für diese eher ungewöhnliche Argumentation war ihm viel Spott gewiss: "Wenn wir mithilfe der Soziologie vorhersagen könnten, wohin die Naturwissenschaft steuert, könnten wir die Forschung bleiben lassen und viel Geld sparen."

Streitende Forscher

Die Episode bildet den Höhepunkt einer seit Wochen andauernden Kontroverse, die jedenfalls zur Folge hatte, dass Hansens Behauptung der "Schweigsamkeit" eindeutig widerlegt wurde. Denn nun streiten Forscher vehementer denn je darüber, wie schnell die Weltmeere in den kommenden Jahrzehnten anschwellen werden. Dabei offenbaren ihre Studien vor allem, dass sich der Anstieg der Ozeane derzeit kaum berechnen lässt. Dennoch beschwören mehrere neue Arbeiten die Katastrophe:


Wie sich ein Sechs-Meter-Anstieg der Weltmeere auswirken würde, rechnete eine Gruppe um Rex Rowley von der University of Kansas im Fachmagazin Eos vor. Nach heutigem Siedlungsmuster wären demnach eine halbe Milliarde Einwohner in sieben Weltregionen bedroht.


Sieben Meter plus prophezeite Garry Clarke von der University of British Columbia Anfang Mai den Küstenbewohnern der Erde. Er hatte die Veränderungen am grönländischen Eisschild untersucht, dessen Totalverlust er fürchtet.


Regionen, die weniger als zehn Meter über dem Meer lägen, würden noch dieses Jahrhundert von anschwellenden Meeren bedroht, warnten Forscher um Bridget Anderson von der Columbia University Ende März im Fachblatt Environment and Urbanisation, ein Zehntel der Weltbevölkerung sei betroffen.

Als Mitte April der Klimawandel erstmals zum Thema im UNO-Sicherheitsrat wurde, warnte das Gremium vor einem zwei Meter starken Anstieg der Meere noch in diesem Jahrhundert, der "große Teile der Welt unbewohnbar machen" könnte. Dieser Alarm verwundert, hatte doch erst Anfang Februar der Weltklimarat IPCC, also das Intergovernmental Panel on Climate Change erklärt, die Meere könnten infolge der Erwärmung um höchstens 59 Zentimeter bis zum Jahr 2100 anschwellen.

Ausgerechnet am Tag der Veröffentlichung der IPCC-Ergebnisse am 1. Februar erschien aber auch eine anderslautende Studie im renommierten Wissenschaftsmagazin Science. Eine Gruppe um Nasa-Forscher Hansen stellte darin dar, dass die Ozeane seit 1993 schneller anschwellen als vorhergesagt. Der Weltklimarat unterschätze womöglich den Anstieg, folgern die Forscher.

Der Klimaforscher David Wasdell warf dem IPCC daraufhin in der Zeitschrift New Scientist vor, die Pegelvorhersage deutlich abgeschwächt zu haben. Die 21 Hauptautoren der betreffenden Arbeitsgruppe widersprachen ebenso vehement wie prompt. Ebenfalls im New Scientist schrieben sie deshalb Ende März, es sei "voreilig", ein beschleunigtes Anschwellen der Ozeane zu konstatieren.

Dünne Datenlage

Ursache des Konflikts ist die dünne Datenlage. Satellitenmessungen des Meeresspiegelanstiegs gibt es erst seit 1993. Seither ermittelten die Forscher 3,2 Millimeter Anstieg pro Jahr. Behielten die Ozeane ihr derzeitiges Anstiegstempo bei, lägen sie Ende des Jahrhunderts etwa 30 Zentimeter höher.

Dazu kommen natürliche Schwankungen. So war der Vulkanausbruch des Pinatubo auf den Philippinen 1991 indirekt für die Hälfte des stärkeren Anstiegs in den vergangenen Jahren verantwortlich, haben Wissenschafter um den Australier John Church herausgefunden. Die Eruptionspartikel hätten die Erde gleich einem Sonnenschirm gekühlt - und den Meeresspiegelanstieg gebremst. Seit 1993 schwellten die Ozeane daher entsprechend wieder schneller an.

Wie unkalkulierbar die zukünftige Entwicklung noch ist, zeigt sich in der Kontroverse zum Grönlandeisschild: Nasa-Forscher Hansen und andere glauben, dass Schlimmes bevorsteht, weil die riesigen Gletscher verstärkt tauen könnten. Tatsächlich könnten ihre Eismengen sieben Meter Wasserhöhe beitragen - das würde freilich Jahrhunderte dauern.

Kein anderer Faktor macht die Meeresspiegel-Vorhersage so unsicher wie der Joker Grönland. Schnell könnten sich dort die Bedingungen ändern, fürchtet Gletscherforscher Richard Alley von der Pennsylvania State University. Freimütig räumt er jedoch ein, es fehlten ihm bislang die Daten, um diese Befürchtung zu untermauern.

Auch in der Soziologie würde man dies wohl als eher dünne Datenlage betrachten. (Axel Bojanowski, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. Mai 2007)

Ut Wordt Nix

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Takkie (Amstelveen) -- 11-05-2007 16:38